Die Schriften der Welt

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Einleitung

Mit diesem Programm können Sie die Schriften dieser Welt kennenlernen.
Etwa 200 Schriften sind bereits im Unicode definiert bzw. reserviert. Damit Sie die Zeichen sehen können, muss ein Schriftfont installiert sein, der die jeweiligen Zeichen darstellt ‒ es gibt keinen Font, der den gesamten Unicode­bereich abdeckt. Das Projekt Noto Fonts bietet inzwischen zahlreiche offene Fonts für die Darstellung einer Vielzahl an Schriften.

Die Schriften sind grob nach Familien oder Gebieten gruppiert, damit sie einfach ausgewählt werden können. Die Verwandt­schaften zwischen den einzelnen Schriften sind dabei grob skizziert. Tatsächlich lassen sich fast alle heute gebräuch­lichen Schriften letzt­endlich auf das phönizische Konsonanten­alphabet zurückführen, bzw. wurden davon beeinflusst. Ausnahmen sind die chinesische Schriften­familie und einige indische und afrikanische Schriften.

Die Geschichte der Schrift wurde wesentlich von einzelnen Personen geprägt, die mit Erfindungs­reichtum und neuen Ideen immer wieder neue Konzepte entwickelten, dabei aber auch bewährte Konzepte übernahmen bzw. übernehmen mussten und verfeinerten. Die Einführung eines neuen Schrift­systems ist immer mit großen gesell­schaft­lichen Veränderungen verbunden und wird daher auch nur akzeptiert, wenn es deutlich erkennbare Vorteile gegenüber dem bisherigen System bietet. Das erklärt vielleicht, warum die Entwicklung der Schriften weniger gleichmäßig verlief als beispiels­weise die der Sprachen ‒ Jahrhunderte lang ohne große Änderungen, dann wieder zeitlich und lokal beschränkt mit tief­greifenden Neuerungen.

Nicht in allen Kulturen hat die Schrift den hohen Stellenwert, den wir ihr heute beimessen. Im Dialog mit Phaidros kritisiert Sokrates die Erfindung der Schrift und hebt die Bedeutung des gesprochenen Wortes hervor:

Sokrates: Ich habe also gehört, zu Neukratis in Ägypten sei einer von den dortigen alten Göttern gewesen, dem auch der Vogel, welcher Ibis heißt, geheiliget war, er selbst aber der Gott habe Theuth geheißen. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, dann die Meßkunst und die Sternkunde, ferner das Brett- und Würfelspiel, und so auch die Buchstaben. Als König von ganz Ägypten habe damals Thamus geherrscht in der großen Stadt des oberen Landes, welche die Hellenen das ägyptische Thebe nennen, den Gott selbst aber Ammon. Zu dem sei Theuth gegangen, habe ihm seine Künste gewiesen, und begehrt sie möchten den andern Ägyptern mitgeteilt werden. Jener fragte, was doch eine jede für Nutzen gewähre, und je nachdem ihm, was Theuth darüber vorbrachte, richtig oder unrichtig dünkte, tadelte er oder lobte. Vieles nun soll Thamus dem Theuth über jede Kunst dafür und dawider gesagt haben, welches weitläufig wäre alles anzuführen. Als er aber an die Buchstaben gekommen, habe Theuth gesagt: Diese Kunst, o König, wird die Ägypter weiser machen und gedächtnisreicher, denn als ein Mittel für den Verstand und das Gedächtnis ist sie erfunden. Jener aber habe erwidert: O kunstreichster Theuth, Einer weiß, was zu den Künsten gehört, ans Licht zu gebären; ein Anderer zu beurteilen, wieviel Schaden und Vorteil sie denen bringen, die sie gebrauchen werden. So hast auch du jetzt als Vater der Buchstaben aus Liebe das Gegenteil dessen gesagt, was sie bewirken. Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für das Gedächtnis, sondern nur für die Erinnerung hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. Denn indem sie nun vieles gehört haben ohne Unterricht, werden sie sich auch vielwissend zu sein dünken, da sie doch unwissend größtenteils sind, und schwer zu behandeln, nachdem sie dünkelweise geworden statt weise.
...
Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Eben so auch die Schriften. Du könntest glauben sie sprächen als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so enthalten sie doch nur ein und dasselbe stets. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll, und zu wem nicht. Und wird sie beleidiget oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters Hülfe; denn selbst ist sie weder sich zu schützen noch zu helfen im Stande.Platons Werke, Kapitel 8: Sokrates, im Dialog mit Phaidros

Schriftsysteme

Man kann Schriften, insbesondere die antiken Schrift­systeme, zunächst grob nach ihrem Schriftbild verschiedenen Typen zuordnen.

Als Hieroglyphen (griechisch heilige gravierte Zeichen) werden die alten ägyptischen Schrift­zeichen bezeichnet, im weiteren Sinn alle Schriften, die aus bildhaften Symbolen zusammen­gesetzt sind, also auch Kretisch, Luwisch und Urartäisch sowie die alten meso­amerikanischen Schriftsysteme.

Keilschriften (Cuneiform in Englisch) nennt man die in Meso­potamien benutzten Schriften Sumerisch, Elamisch, Akkadisch, Assyrisch und Hethitisch, sowie die späteren Keilschriften Ugaritisch und Persisch. Ihre typische Form rührt daher, dass die Schrift­zeichen mit Schilf­rohren in Tontafeln und auf Gefäße gedrückt wurden.

Die auf Kreta und Zypern gefundenen Schriften nennt man Linearschriften, da die Zeichen im Gegensatz zu denen der Hieroglyphen- und Keil­schriften aus einzelnen Strichen bestehen; die gleiche Bezeichnung wird gelegentlich verallge­meinert für alle späteren Schriften verwendet.

Eine präzisere Klassifikation der Schrift­systeme ist die nach der (lautlichen bzw. semantischen) Repräsen­tation der Schriftzeichen.

Piktographien und Ideographien

☮

Als Piktographie oder Ideographie (griechisch Bild- oder Symbol­schrift) wird eine Schrift bezeichnet, die Bilder und Symbole verwendet, um bestimmte Begriffe darzustellen. In der Regel sind solche Systeme nicht in der Lage, das komplette Repertoire einer gesprochenen Sprache abzubilden, stellen also eine Vorstufe zur voll­entwickelten Schrift dar. Typische im wesentlichen ideo­graphische Schriften sind die Mi’kmaq-Symbole Nord­amerikas, einige der älteren meso­amerikanischen Hieroglyphen und das west­chinesische Nàxī Dongba, sowie mutmaßlich alle Vorstufen der ältesten Schriften.

Logographien

文

Als Logographien (griechisch Begriffs­schriften) werden Bedeutungs­schriften bezeichnet, die einen so hohen Abstraktions­grad haben, dass sie in der Lage sind, die gesprochene Sprache adäquat darzustellen. Das geschieht durch Zusammen­setzen bedeutungs­tragender Grund­einheiten. Grund­sätzlich logo­graphische Schriften sind das Chinesische und die davon abgeleiteten Schriften Khitan, Jurchen und Tanggut, sowie das klassische Yí. Viele der älteren Schriften wie die ägyptischen Hiero­glyphen, die Maya-Schrift und die sumerische Keilschrift enthalten logo­graphische Elemente.

Abjaden

א

Abjad (nach den ursprünglich ersten Buchstaben der arabischen Schrift) bezeichnet das alpha­betische Zahlen­system der Araber, bei der die ursprüng­liche Reihen­folge der phönizischen Buchstaben benutzt wurde. Im weiteren Sinne verwendet man den Begriff auch ganz allgemein für Konsonanten­schriften. Während die ersten Schriften der Menschheit eine Vielzahl an Zeichen für Einzel- und Mehrfach­konsonanten (Ägyptische Hiero­glyphen), einzelne Laute und komplette Silben (Sumerische Keilschrift) ‒ neben weiteren Determinativen und Symbolen ‒ aufwiesen, entstand mit der Phönizischen Schrift erstmalig ein Konsonanten­alphabet, das sich auf nur 22 Symbole für konsonantische Laute beschränkte und so auf einfache Weise die semitischen Sprachen darstellen konnte. Phönizisch, Aramäisch und die daraus entstandenen Schriften Hebräisch und Arabisch sind Abjaden.

Alphabete

A

Bereits im Phönizischen wurden vereinzelt Konsonant­zeichen zur Darstellung von Vokal­lauten benutzt, in Bezug auf das Hebräische spricht man von Matres lectionis (lateinisch Mütter des Lesens). Im Griechischen und Uigurischen sind nach diesem Vorbild eigene Schrift­zeichen für Vokale erfunden bzw. umgedeutet worden, wodurch die vollständigen Alphabete (nach den ersten Buchstaben der griechischen Schrift) entstanden. Ein Alphabet in diesem engeren Sinne umfasst damit die Zeichen für das komplette Lautinventar eine Sprache, insbesondere Zeichen für Konsonanten und Vokale. Alphabete sind die europäischen sowie die mongolischen Schriften.

Abugidas

ༀ

Die Entwickler der indischen Brāhmī-Schrift hatten die Idee, die Vokale ihrer Schrift durch Modifi­kationen der silben­tragenden Konsonant­zeichen darzustellen. Die Konsonanten haben in der Regel einen inhärenten Vokal (meist /a/) als Auslaut, dieser wird durch spezielle Modifikatoren geändert. Schriften, die auf diese Weise gebildet werden, nennt man Abugidas (ein Kunstwort aus ausge­wählten Buchstaben der äthiopischen Schrift). Fast alle indischen und südost­asiatischen Schriften sind Abugidas, außerdem die äthiopische Fidäl, die Canadian Aboriginal Syllabics (bei denen die Modifi­zierung in einer Drehung besteht) und die von J.R.R. Tolkien entwickelte klassische Elfenschrift Sarati.

Silben- und Morenschriften

Ꮬ

Werden in einer Schrift komplette Sprechsilben oder deren Grund­bestandteile als einzelne Zeichen geschrieben, bezeichnet man sie als Silben- bzw. Morenschrift, mit dem Syllabar als Zeichen­bestand (Mora bezeichnet eine rhythmische Sprach­einheit und steht für eine offene Silbe mit kurzem Vokal oder für einen Teil einer längeren Silbe). Die mediterranen Schriften der kyprisch-minoischen Zeit sind Silbenschriften, ebenso das Cherokee-Syllabar, das moderne Yí und das west­afrikanische Vai, im wesentlichen auch die Maya-Schrift. Die japanischen Hiragana und Katakana sind Morenschriften.

Besondere Schriftsysteme

Nahezu alle Schriften enthalten Merkmale verschiedener Systeme und lassen sich nicht eindeutig den angegebenen Schrift­systemen zuordnen, insbesondere verwenden alle Schriften logo­graphische und ideo­graphische Symbole (Satz­zeichen, Zahlen­systeme). Auch das Chinesische als typisch logo­graphische Schrift verwendet einige phonetische Elemente als Bestand­teile der Schrift­zeichen, die keine Beziehung zur Bedeutung haben, sondern die (ursprüng­liche) Aussprache kennzeichnen. Die meisten Schriften lassen sich aber in der Regel einer der vorge­stellten Grund­typen zuordnen. Es gibt jedoch einige Schriften, die sich nicht eindeutig einordnen lassen.

Im maledivischen Thaana, das aus dem Arabischen entwickelt wurde, wird grundsätzlich jedem Konsonanten ein Vokal­zeichen zugeordnet. Diese Möglichkeit der Vokali­sierung entstammt ursprünglich der Punktierung, die im Hebräischen und Arabischen in Lehr­büchern, in der Tora und im Koran verwendet wird, wurde aber zusätzlich beein­flusst von den indischen Schrift­systemen. Anders als in den indischen Abugidas tragen die Konsonanten im Thaana selber keinen inhärenten Vokal, es gibt keine Ligaturen und keine eigenen Zeichen für Vokale (die in den meisten Abugidas üblich sind). Damit ist Thaana eine Art Mischform zwischen Abjad und Abugida.

Koreanisch ist im Prinzip ein Alphabet, bei dem die Laute dar­stellenden Buch­staben einer Silbe nach dem Vorbild der chinesischen Schrift­zeichen in einem Block angeordnet werden und kombiniert damit Eigen­schaften einer Alphabet- und einer Silbenschrift.

Tengwar, die Elfen­schrift des Dritten Zeitalters aus J.R.R. Tolkiens Fantasie­welten, ist eine Schrift, die in verschie­denen Modi sowohl als Abugida als auch als Alphabet benutzt werden kann. Die meroitischen Hiero­glyphen Nubiens bilden ein Alphabet, in dem der häufigste Vokal als inhärenter Laut nicht geschrieben wird. Bei der Abugida Tai Le werden die Vokal­modifikatoren wie eigene Buchstaben den Konsonant­zeichen nach­gestellt, ebenso können auch die Töne als Buchstaben dargestellt werden. Damit sind Tai Le und Meroitisch zwischen Abugida und Alphabet anzusiedeln.

Die Schreibrichtung

Einer der Schrift­parameter, die sich im Laufe der Entwick­lung selten ändern, ist die Richtung der Schrift. Es gibt kaum Argumente, die eine bestimmte Schreib­richtung bevorzugen, und daher auch wenig Gründe, diese zu ändern, es sei denn, man benutzt mehrere Schriften parallel und muss diese aneinander anpassen.

Die ersten Schrift­zeichen wurden um Bilder herum angeordnet oder auf Gegen­stände in geeigneter Richtung geschrieben. Eine vorgegebene Schreib­richtung bildete sich erst mit der Zeit aus, bei den ersten Schriften waren verschiedene Richtungen möglich. Die Schreib­richtung erkennt man in der Regel an der Orien­tierung der einzelnen Zeichen (diese werden je nach Richtung gespiegelt); die Tier­zeichen der ägypti­schen Hiero­glyphen schauen immer zum Beginn der Zeile bzw. bei senkrechter Schreib­weise nach innen. Die Gesichter der meso­amerikanischen Schriften schauen zum Ende der Zeile bzw. nach innen.

Senkrechte Schriften

Die ostasiatischen Schriften Chinesisch, Japanisch und Koreanisch wurden ursprünglich senkrecht nach unten mit nach links folgenden Spalten geschrieben.
So gut wie alle zentral­amerikanischen Schriften wurden senkrecht fallend geschrieben. Maya-Schrift wird in senkrechten Doppel­spalten geschrieben, wobei immer zwei Zeichen rechts­läufig neben­einander, die nach­folgenden darunter stehen. Diese Doppel­spalten werden nach rechts weitergeführt.
Die Mongolischen Schriften werden (seit die Uiguren ihre vom sogdischen Zweig des Aramäischen abstammende Schrift gedreht haben) senkrecht nach unten mit nach rechts folgenden Spalten geschrieben.

Die keltirischen Ogham-Zeichen wurden in der Regel senkrecht nach oben auf einen Menhir gemeißelt, um dann auf der anderen Seite des Steins nach unten fort­geführt zu werden. Eine Schrift, die grundsätzlich von unten nach oben geschrieben wird, ist das philippinische Hanunó’o; zum Lesen wird sie waagerecht gedreht.

Mögliche Begründung für eine senkrecht fallende Schrift: intuitiv korreliert der Verlauf der Zeit mit einer fallenden Bewegung, hin zur Schwerkraft. Argumente für eine nach oben gerichtete Schrift findet man direkt beim Vorgang des Sprechens: die Schreib­richtung entspricht dem Weg der Luft aus der Lunge nach oben.

Waagerechte Schriften

Das Phönizische Abjad wurde waagerecht und linksläufig geschrieben, mit nach unten folgenden Zeilen. Diese Schreib­richtung entstand möglicher­weise zufällig, vielleicht haben aber auch die damaligen Schreib­techniken eine Rolle gespielt. Da es sehr wahrscheinlich ist, dass die Schrift von einer einzelnen Person oder zumindest von einem sehr kleinen Team entwickelt wurde, sehe ich hier eine einfache Erklärung: der Erfinder der phönizischen Schrift war Linkshänder.

Die Aramäer und die Griechen übernahmen zunächst die Schreib­richtung. Griechisch und die davon abgeleiteten Alphabete Altitalisch und Lateinisch wurden in der Anfangs­zeit immer häufiger auch bustrophedon (furchenwendig, zeilenweise wechselnd), ab dem 6. Jahrhundert nur noch rechts­läufig geschrieben. Dabei wurden die Buchstaben gespiegelt (die Bäuche und waage­rechten Elemente zeigen in Schrift­richtung). Die vom Aramäischen abgeleiteten semitischen Schriften Hebräisch, Arabisch und Thaana haben die linksläufige Schreib­richtung beibehalten, während die Brāhmī-Schrift von Anfang an rechtsläufig konzipiert war und diese Schreib­richtung an alle indischen Schriften weitergegeben hat.

Auch die traditionell senkrecht geschriebenen Schriften Chinesisch, Japanisch und Koreanisch werden heute in der Regel waagerecht rechts­läufig geschrieben.

Eine waagerechte Schrift mit nach oben folgenden Zeilen ist das Rongorongo: die Schrift ist rechts­läufig, der Text beginnt unten links auf einer Schrift­tafel. Am Ende jeder Zeile wird die Tafel um 180° gedreht und man liest (nach Art eines Bustro­phedons) die nächste Zeile. Die Zeichen jeder zweiten Zeile stehen also auf dem Kopf.

Rechts­läufige Schriften haben heutzutage den Vorteil, dass man als Rechts­händer die noch nasse Tinte beim Schreiben nicht verwischt (sofern man mit Tinte schreibt). Bei links­läufigen Schriften ist das Lesen der Bücher einfacher, wenn man sie mit der rechten Hand umblättert. Der Vorteil eines Bustro­phedons ist, dass man die nächste Zeile schneller findet; auch die modernere Moon-Blinden­schrift wurde ursprünglich so konzipiert.

Die Reihenfolge der Buchstaben

Auch an der Sortierung der Schrift­zeichen lässt sich die Verwandt­schaft der Schriften erkennen. Möglicher­weise durch einen Merkspruch oder rein zufällig entstanden, haben nahezu sämtliche heutige Alphabete die Reihenfolge der phönizischen Schrift­zeichen beibehalten (erst mit den indischen Abugidas wurde eine sinnvolle neue Sortierung gefunden). Neue Buch­staben wurden entweder ans Ende angehängt oder eingefügt. Himjarisch (Altsüd­arabisch) hatte von Anfang an eine andere Buchstaben­reihenfolge, die vom Fidäl übernommen wurde.
Das moderne Arabisch und Thaana haben die Zeichen nach graphischen Gesichts­punkten neu sortiert. Die mit der indischen Brāhmī gefundene Sortierung der Buchstaben nach Artikulations­stelle wurde in allen indischen Schriften beibehalten.

Im Sefer Jetzira (ספר יצירה), dem Buch der Formung, werden die 22 Buchstaben und die 10 Ziffern zu Grundbausteinen der Schöpfung. Das geschriebene Wort steht als Bauplan der Welt am Anfang der Schöpfung. Danach kann der Ursprung der Zeichen selbst nicht ermittelt werden, sie waren schon immer da. Und so scheint es auch mit der Ordnung der Buchstaben zu sein.
Ein bekannter Midrasch (eine Deutungslegende) wirft die Frage auf, warum Alef nicht auserwählt wurde, der erste Buchstabe der Tora zu sein. In der Erzählung erscheinen alle Buchstaben, welche in die Krone des Schöpfers eingraviert sind, in umgekehrter Reihenfolge vor dem Herrn und geben nacheinander gute Gründe an, warum jeweils sie der erste Buchstabe sein sollten. Einer nach dem anderen wird abgewiesen, bis auf Beth, welcher als letzter erscheint. Alle waren gekommen – außer dem Buchstaben Alef. Als der Herr fragt, warum das so sei, erklärt Alef: Ich bin doch nur ein lautloser Buchstabe und habe deshalb nichts zu sagen. Doch der Herr zeichnete die Demut des Alef aus und erklärte es zum ersten aller Buchstaben.
In diesem Midrasch wird die Reihenfolge der Buchstaben nur bestätigt, denn sie sind bereits zuvor in gleicher Folge in die Krone des Schöpfers eingraviert. Bemerkenswert ist auch, dass der Herr das Anliegen des letzten zu ihm gekommenen Buchstabens Beth akzeptierte, bevor er Alef als Anführer der Buchstaben ausgezeichnete; die Tora und damit der Bauplan der Welt jedoch beginnt mit dem Buchstaben Beth. Quelle: אותיות דרבי עקיבא‎, Otiot de Rabbi Akiva

Links

Nützliche Links:

evertype
Michael Everson, co-Autor des Unicode-Standards
anshumanpandey
Anshuman Pandey, Experte für indische Schriften

Amerika

Die Schriften Amerikas und der pazifischen Inseln

Die Schrift­zeugnisse der Neuen Welt aus der Zeit vor dem Eintreffen der Europäer wurden großenteils vernichtet. Außer dem latei­nischen Alphabet werden in Nord­amerika heute noch die Cherokee-Silben­schrift und die Unified Canadian Aboriginal Syllabics (für Cree und Inuktituk) sowie vermehrt das Alphabet der Osage benutzt. Sprache und Kultur der amerika­nischen First Nations werden in den letzten Jahren wieder­belebt, wozu auch die Ent­wicklung eigener Schrift­systeme beiträgt. Im südameri­kanischen Suriname wird vereinzelt das Afaka-Alphabet verwendet.

Nordamerika

Die nord­ameri­kanischen Anishinabe benutzten heilige Bildsymbole, die Kekinowin und Kekiwin genannt werden. Kekiwin waren für den alltäglichen Gebrauch, Kekinowin gaben Stich­worte von Zauber­gesängen wieder. Die Zeichen stellten keine vollständige Schrift dar, sie fixierten einzelne Begriffe und konnten als Erinnerungs­stütze dienen. Die Mi’kmaq verwendeten Symbole, die sie auf Birken­rinde oder Leder zeichneten. Diese können bereits als Vorstufe einer Schrift betrachtet werden (Mi’kmaq-Symbole). Anfang des 20. Jahr­hunderts entwickelte der Inuit Uyaquq eine Silben­schrift für die Sprache der Yupik in Alaska, das Yugtun. Diese Schrift wurde nur kurze Zeit benutzt.

Cherokee Syllabary
ka

ka in Cherokee

Die Cherokee-Silbenschrift besteht aus 85 Zeichen, die Anfang des 19. Jahr­hunderts von Sequoyah für die Sprache der Cherokee entwickelt wurden. Er benutzte latei­nische Buch­staben (deren Lautwert ihm nicht bekannt war) als grafische Vorlage. Die Schrift wird nach wie vor von den Cherokee für Ihre Sprache benutzt.

Unified Canadian Aboriginal Syllabics
ka

ka in Cree

Die Unified Canadian Aboriginal Syllabics wurden 1846 auf Grundlage der indischen Devanāgarī und der Pitman-Kurzschrift von dem Methodisten-Missionar James Evans für die Algonkin-Sprachen entwickelt. Heute werden sie für Cree, Inuktitut, Blackfoot und Anishinabe benutzt. Eine Besonder­heit dieser Abugida ist, dass sie mit relativ wenigen Grund­zeichen auskommt, wobei der Auslaut von der Orien­tierung der Zeichen abhängt.

Das von Herman Mongrain Lookout 2006 auf Basis der lateinischen Schrift entwickelte Alphabet der Osage in Oklahoma ist seit 2016 Bestand­teil des Unicode. Die Entwicklung der Schrift der Osage ist Teil eines Wieder­belebungs­programms zur Erhaltung der Kulturen der First Nations in den USA.

Mittelamerika

Maya Syllabar
ka

ka in Maya

Die logo­syllabische Schrift der Maya ist die einzige uns bekannte und weitgehend entzifferte voll entwickelte Schrift des prä­kolum­bischen Amerika. Sie hat sich möglicherweise, ebenso wie die pikto­graphischen Zeichen der Azteken und anderer Hoch­kulturen Meso­amerikas, aus den Symbolen der Olmeken und den folgenden Kulturen entwickelt. Mesoamerikanische Schriften

Die Symbole der karibischen Inseln ‒ die kubanischen Anafurana und die Vévé auf Haiti ‒ haben ihren Ursprung in den Nsibidi-Zeichen, die seit 1450 in Nigeria benutzt werden. Die Symbole sind heilige oder magische Zeichen und werden zur Verzierung an Hauswände geschrieben.

Südamerika

Als Quipu (Knoten) werden die Knoten­schnüre der Inkas bezeichnet, die bis zur spanischen Eroberung zum Rechnen und zur Buch­haltung verwendet wurden. Die Entwicklung zu einer (vollständigen) Schrift ist fraglich. Vereinzelte pikto­graphische Schrift­zeugnisse aus den Anden sind Aymara und Paucartambo aus der Zeit nach der Konquista.
Die 1910 von Afáka Atumisi erfundene Afaka-Schrift ist eine Silben­schrift, die zum Schreiben der Kreol­sprache Aukaans im heutigen Suriname verwendet wird.

Ozeanien

Rongorongo (dt. Gesang, Rezitation, Vortrag) nennt man die noch nicht ent­zifferte Schrift der Oster­insel, das einzige entdeckte Schrift­system Ozeaniens aus der Zeit vor der Eroberung durch die Europäer.

Europa

Alphabete in Europa

Die heute in Europa und im Kaukasus benutzten Schriften (Griechisch, Lateinisch, Kyrillisch, Armenisch und Georgisch) sind rechts­läufige Alphabete, bis auf Georgisch haben alle diese Alphabete Groß- und Klein­buchstaben. Die Minuskeln (Klein­buchstaben) dieser Alphabete sind im Mittel­alter entwickelt worden und haben sich in der Renaissance etabliert.

Das östliche Mittelmeer

Das Griechische Alphabet
k

k in Griechisch

Das im 9. Jahrhundert v. Chr. aus der phöni­zischen Schrift entwickelte griechische Alphabet ist die erste voll­ständige Alphabet­schrift im engeren Sinne. Dafür wurden einzelne Buch­staben des Phöni­zischen zu Vokalen umgedeutet, um die Schrift an die griechische Sprache anzupassen. Die Schreib­richtung hat sich im Laufe der Zeit von links- nach rechts­läufig gedreht; die frühen griechischen Texte sind links­läufig und bustro­phedon. Vom griechischen Alphabet stammen u. a. das lateinische, das kyrillische und das armenische Alphabet ab.

Auf der anatolischen Halb­insel wurden auf Basis des grie­chischen Alphabets eigene Schriften für Karisch, Lydisch, Lykisch und Sidetisch entwickelt. Dabei bekamen einzelne Buch­staben teil­weise einen anderen Lautwert. Mit diesen Alphabet­schriften wurden allmählich die älteren Hieroglyphen­schriften Anatoliens (Luwisch und Urartäisch) verdrängt.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurden, beeinflusst vom lateinischen und vom griechischen Alphabet, mit Elbasan, Todhri und Buthakukye mehrere Schriften für die albanische Sprache entwickelt. Albanisch wird heute mit lateinischer Schrift geschrieben.

Das westliche Mittelmeer

Das Altitalische Alphabet
k

k in Altitalisch

Das altitalische Alphabet basiert auf einer westlichen Variante des griechischen Alphabets und wurde für verschiedene Sprachen der italienischen Halb­insel benutzt, unter anderem für Etruskisch, Venetisch, Oskisch und Umbrisch. Aus der etruskischen Variante des Alt­italischen entstand schließlich das lateinische Alphabet.

Auf der iberischen Halbinsel sind neben einer griechischen Variante zahl­reiche Silben­schriften entstanden, die die phönizische Schrift als Vorlage benutzten: Süd­lusitanisch und verschiedene iberische Varianten. Iberische Schriften

Slawische Schriften und der Kaukasus

Das Georgische Alphabet (Mchedruli)
k

k in Georgisch

Das Armenische Alphabet
k

k in Armenisch

Im Kaukasus entstanden Anfang des 5. Jahr­hunderts die aus dem Griechischen entwickelten Schriften Alwanisch (Kaukasus-Albanisch), Armenisch und die vermutlich mehr vom Aramäischen beeinflusste georgische Schrift. Armenisch und Georgisch werden nach wie vor verwendet, von den drei georgischen Varianten Assomtawruli, Nuschuri und Mchedruli wird heute nur noch letztere benutzt. In Abchasien und in Aserbaidschan wird heute eine Erweiterung des kyrillischen Alphabets benutzt. Sprachen und Schriften im Kaukasus

Das Kyrillische Alphabet
k

k in Kyrillisch

Mit der glagolitischen Schrift schuf der Mönch Kyrill von Saloniki im 8. Jahrhundert unter dem Einfluss des griechischen und des georgischen Alphabets eine eigene Schrift für die slawischen Sprachen. Die im folgenden 9. Jahrhundert in Bulgarien entwickelte und nach Kyrill benannte kyrillische Schrift (auch Kyrilliza), die sich näher am Griechischen orientierte, aber auch Zeichen der Glagoliza übernahm, verdrängte allmählich die glago­litische Schrift. Sie wurde Grundlage für zahl­reiche Varianten des Kyrillischen und die in Sibirien benutzte Abur-Schrift.

Nordeuropa

Futhark Runen
k

k in Futhark

Vermutlich bildete Lateinisch oder auch Griechisch die Grund­lage der nord­europäischen Runen (Futhark oder Fuþark). Fuþark hat sich im 2. Jahr­hundert nach Christus in Germanien entwickelt. Die Zeichen haben sich von dort in ganz Nordeuropa verbreitet. Ungewöhnlich ist die eigene Reihen­folge der Buch­staben, weshalb man dieses Alphabet und seine Abkömm­linge auch Runenreihe nennt. Die germanischen Runen waren die Vorlage für die erweiterte angel­sächsische Runenreihe Fuþork und den als Angerthas (Angerðas) bezeich­neten Runen­reihen in R. R. Tolkiens Fantasie­welt Mittelerde.

Ogham
k

c in Ogham

Das keltirische Ogham-System ist eine Kodierung einzelner Laute im Stil stein­zeitlicher Zähl­hölzer, möglicher­weise diente ein den Kelten bekanntes Alphabet (Lateinisch oder Griechisch) als Grundlage. Die Zeichen wurden vertikal an den Kanten von Menhiren angebracht.
Interessanter­weise sind die typischen Merkmale des Gälischen aus der Zeit um das 5. Jahrhundert, wie die Aspiration und Vokalbreite, in der Kodierung nicht erkennbar, ebenso werden Zeichen für q, v und z verwendet, denen keine Laute der Sprache entsprechen. Außer gälischen Inschriften existieren einige lateinische in Wales sowie piktische in Schottland.

Mediterra

Keilschriften und Hieroglyphen

Die ältesten Schriften der Mensch­heit haben ihre Wurzeln im 4. Jahr­tausend vor Christus in den Groß­reichen am Nil und im Zwei­strom­land. Zahl­reiche beein­druckende Schrift­stücke aus diesen ersten Jahr­tausenden der Schrift­kultur sind über­liefert, nicht zuletzt das Gilgamesch-Epos aus Babylonien, eines der ersten litera­rischen Werke der Menschheit.

Mesopotamien

Das Ugaritische Alphabet
k

k in Ugaritisch

Die Keilschrift wurde um 3300 v.Chr. von den Sumerern in Mesopotamien entwickelt und später von mehreren Völkern des Orients (den Akkadern, Babyloniern, Assyrern und Persern) übernommen und weiter­entwickelt. Sie begann als Bilder­schrift aus Pikto­grammen und Ideo­grammen und entwickelte sich zu einer Silben­schrift, aus der mit der Ugari­tischen Keil­schrift auch eine Konsonanten­schrift entstand. Die typische Keil­schrift­form, die durch das Eindrücken des Schreib­griffels in weichen Ton entsteht, bekam die Schrift etwa um das Jahr 2700 v.Chr.
Die hethitische Keilschrift verdrängte teilweise die auf Anatolien üblichen älteren Hiero­glyphen­schriften. Die jüngeren Keil­schriften Ugaritisch und Alt­persisch sind deutlich von den benach­barten Schrift­systemen beein­flusst. Ugaritisch ist ein Abjad, das klare Ähnlich­keiten mit der gleich­zeitíg in der Levante entwickelten proto­kanaanäischen Schrift (dem Vorläufer der phönizischen Schrift) aufweist. Alt­persisch ist die jüngste Entwicklung der Keilschrift, wohl eine von den alten Keilschriften inspirierte Neuschöpfung unter Darius I, die Konzepte der nord­indischen Gupta-Abugida erkennen lässt.

Ägyptische Hieroglyphen

Ägyptische Einkonsonanten-Zeichen
k

k in Ägyptisch

Die Ägyptische Schrift stellt neben der Sume­rischen Keil­schrift eine der ersten voll­ständig entwickelten Schrift­systeme dar. Die ersten Schriftzeugnisse datieren auch hier um 3300 v.Chr. Sie ist im wesent­lichen eine Konsonanten­schrift mit Phono­grammen für Einzel­laute und Konsonanten­gruppen, zusätz­lichen Determi­nativen und Ideo­grammen.
Gleichzeitig entstand mit dem Hieratischen eine kursive Form der Hiero­glyphen, im 7. Jahr­hundert v.Chr. entstand eine verein­fachte kursive Form, das Demotische. Die Meroitischen Hiero­glyphen Nubiens stammen von den Ägyptischen Hiero­glyphen ab. Auch Meroitisch gibt es in einer Demotisch genannten kursiven Form. Meroitisch zeigt Charakteristiken einer Abugida, ähnlich den etwas später entwickelten nordindischen Schriften Kharoṣṭhī und Brāhmī.
Einige ägyptische Symbole werden heute noch im Koptischen (der Schrift der koptischen Christen in Ägypten) und im Afrika-Alphabet verwendet.

Ägäische Schriften

Linearschrift B
k

ka in Linear-B

Als Ägäische Schriftsysteme bezeichnet man eine Gruppe von Hieroglyphen- und Linear-Schriften, die im östlichen Mittel­meerraum, in Anatolien und der Levante während der späten Bronze­zeit und der frühen Eisenzeit verwendet wurden.
Man unterscheidet zwischen dem kretisch-minoischen System, zu dem die kretischen Hieroglyphen, die Linearschriften A und B sowie die auf Zypern gefundenen Schriften gehören, die der minoischen und der mykenischen Kultur zugerechnet werden, und dem Luwischen System, das die luwischen und urartäischen Hieroglyphen Anatoliens umfasst. Die Symbole auf dem Diskos von Phaistos, einem Ort in Kreta, lassen sich keiner dieser Schriften zuordnen, ebenso die im libanesischen Byblos gefundenen Inschriften einer möglicherweise von ägyptischen Hieroglyphen inspirierten Schrift.

Afrika

Klassische und moderne Schriften in Afrika

In Afrika werden außer der in Äthiopien entwickelten Abugida Fidäl haupt­sächlich die lateinische Schrift und (im Maghreb und in Ägypten) die arabische Schrift benutzt. Es gibt jedoch mehrere Gebiete, in denen das Bestreben nach Erhalt kultureller Traditionen auch in jüngerer Zeit zu neuen Schrift­entwicklungen geführt hat. Diese nativen Schrift­systeme werden neben den etablierten Schriften mehr und mehr benutzt. Schriften Afrikas

Ostafrika

Fidäl Grundzeichen
k

kä in Fidäl

Im Reich Saba im südlichen Arabien entwickelte sich im 8. Jahrhundert v.Chr. aus dem phönizischen Konsonanten­alphabet eine eigene Schrift, die die Grundlage für das heutige Fidäl (der äthiopischen Schrift) wurde. In dieser heute als Altsüdarabisch oder Himjarisch bezeichneten Schrift wurde die Reihenfolge der Buchstaben gegenüber dem Phönizischen geändert, außerdem wurde die Schrift anfangs bustrophedon, später rechts­läufig geschrieben.
Mit der äthiopischen Fidäl entstand die erste westliche Abugida (benannt nach vier dem lateinischen ABC nach­empfundenen Buch­staben dieser Schrift), bei der die Konsonanten einen Vokal tragen, der durch Modifi­kationen des Schrift­zeichens bestimmt wird – die Grund­zeichen einer Abugida stehen damit für offene Silben, wobei Silben mit gleichem Anlaut grafisch ähnlich sind. Dieses System wurde 600 Jahre zuvor in Nord­indien entwickelt, existierte aber auch bereits in Grundzügen in der meroitischen Hieroglyphen­schrift der benach­barten nubischen König­reiche. Fidäl wird in Äthiopien und in Eritrea benutzt.

Das Osmaniya-Alphabet
k

k in Osmaniya

In Somalia wurden im 20. Jahr­hundert mehrere eigen­ständige Schriften entwickelt, von denen Osmaniya neben der lateinischen Schrift nach wie vor benutzt wird. Das Borama (oder Gadabuursi) Alphabet wird vereinzelt in der Gegend um die Stadt Borama für Quaṣīdas (Oden) in somalischer Sprache benutzt. Eine junge Eigen­entwicklung aus Kenia ist das Lakeside-Alphabet für die Sprache Luo, das seit 2009 benutzt wird.
Weiterhin werden besonders im Osten Afrikas Varianten der arabischen Schrift, die Adjami verwendet.

Nordafrika

Tifinagh
k

k in Tifinagh

Tifinagh nennen sich die tradi­tionellen Schrift­zeichen der Tuareg in Nord­afrika, die nach wie vor vereinzelt benutzt werden. Ihren Ursprung haben diese Zeichen in der alten libyschen Berber-Schrift Numidisch, die vom punischen Alphabet abstammt, einer Variante des Phönizischen.
Eine Eigen­entwicklung, das Beria, entstand in der Zentral­region Nord­afrikas und wird vereinzelt im Tschad und in der west­sudanesischen Region Darfur benutzt.

Westafrika

Das Vai Syllabar
k

ka in Vai

Unter den zahl­reichen nativen Schrift­systemen West­afrikas, die in den letzten beiden Jahr­hunderten entwickelt wurden, ist die Silbenschrift der Vai in Liberia hervor­zuheben. Sie ist eine echte Silben­schrift, für die alte ideo­graphische Symbole als Vorlage dienten. Möglicher­weise wurde die Schrift­entwicklung über Einwanderer vom Cherokee-Syllabar beeinflusst.

Das N’Ko-Alphabet
k

k in N’Ko

In Guinea, Mali und der Elfenbein­küste wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine eigene links­läufige Schrift, das N’Ko Alphabet benutzt.
Eine junge Eigen­entwicklung des Senegals ist die direkt nach dem akrophonischen Prinzip gestaltete Saliwi, die neben Arabisch und dem älteren daraus ent­wickelten Garay mehr und mehr für die Wolof-Sprache verwendet wird.

Besonders im Westen Afrikas wird das 1928 von dem Afrika­nisten Diedrich Westermann in London vorgestellte Afrika-Alphabet benutzt. Die Schrift ist aus dem Latei­nischen entwickelt, benutzt aber auch einzelne Zeichen aus dem Demotischen (den verein­fachten ägyptischen Hiero­glyphen) sowie Zeichen der inter­nationalen Laut­schrift. In Nigeria ist mit dem Pan­nigeria­nischen Alphabet eine Erweiterung des Afrika-Alphabets eingeführt worden, mit dem Hausa und andere nigeria­nische Sprachen verschriftet werden.

Südliches Afrika

Die Mandombé-Abugida
k

k’ in Mandombé

Die Mwangwego-Abugida
k

ka in Mwangwego

Im südlichen Afrika wurden im 20. Jahr­hundert die Schriften Mandombé (im Kongo) und Mwangwego (in Malawi) kreiert, beides Abugidas. Die Mandombé-Schrift wird seit 1978 im Kongo­gebiet und in Angola für die Sprachen Kikongo, Swahili, Lingála und weitere Bantu­sprachen benutzt. Nolence Moses Mwangwego erfand die nach ihm benannte Schrift für die Sprachen Malawis, nachdem er Hinweise auf ein früheres Schrift­system gefunden hatte, das in Malawi vor der Kolonia­lisierung benutzt wurde.

Arabien

Der Ursprung des Alphabets

Das Phönizische Alphabet
k

k in Phönizisch

Die im ägyptischen Wadi el Hol bei Luxor gefundenen fast 4000 Jahre alten Schrift­zeichen werden semitischen Siedlern zugeschrieben. Sie ähneln den Zeichen des Protosemitischen Alphabets, das seit 1700 v.Chr. in der Levante dokumentiert ist und als Grundlage unserer heutigen Alphabete gilt. Je nach Alter und Abstraktions­grad der Zeichen bezeichnet man die Schrift als proto­semitisch (oder proto­sinaitisch), proto­kanaanäisch oder (ab 1050 v.Chr.) als phönizische Schrift.
Sie ist das Ergebnis einer genauen phonetischen Analyse und der Reduktion auf wesentliche grafische Elemente. Das phönizische Alphabet bestand aus 22 stark abstrahierten Zeichen für Konsonanten, die nach dem akrophonischen Prinzip gebildet wurden. Durch ihre Handels­nieder­lassungen verbreiteten die Phönizier ihre Schrift im gesamten Mittel­meerraum. Die Griechen und die Aramäer schufen mit ihren Weiter­entwicklungen des phönizischen Alphabets die Basis für die meisten heutigen Schriften.

Semitische Schriften

Die älteste mit dem Phönizischen verwandte Schrift ist das Alt­hebräisch, das heute noch in abgewandelter Form im samari­tanischen Pentateuch verwendet wird.

Das Hebräische Alphabet
k

k in Hebräisch

Das moderne Hebräisch, die syrische Schrift und das Nabatäisch entwickelten sich im 3. Jahr­hundert v.Chr. aus dem Aramäischen. Aramäisch war bis zum 7. Jahrhundert die Lingua franca im Vorderen Orient, die Schrift verbreitete sich dadurch bis nach Äqypten im Westen und nach Indien im Osten. Hebräisch wird heute in Israel benutzt, die syrische Schrift (insbesondere die älteste Ausprägung, das Estrangelo) wird nach wie vor von den syrischen Christen geschrieben.

Das Arabische Alphabet
k

k in Arabisch

Nabatäisch wurde die Grundlage der arabischen Schrift, aus der zahlreiche Varianten und weitere Schriften hevor­gegangen sind, insbesondere das Thaana, die heutige Schrift der Malediven.

Das Thaana-Alphabet
k

k in Thaana

Im Thaana wird die Punktierung der semitischen Schriften (die Kenn­zeichnung von Vokalen durch über- oder unter­gesetzte Markierungen, die im Hebräischen und Arabischen in religiösen Texten und Kinder­büchern die Aussprache erleichtern soll) zum Prinzip erhoben, hier bekommt jeder Konsonant eine Vokal­markierung, sodass ein mehr­zeiliges Schrift­bild entsteht. Thaana ist damit kein reines Abjad mehr, sondern weist Eigen­schaften einer Abugida auf.

Persien

In Persien wurden mehrere Alphabete auf Basis des Aramäischen entwickelt, namentlich Pahlavi, Elymaisch und Mandäisch, das heute noch vereinzelt für die mandäische Sprache benutzt wird. Über das Sogdische verbreitete sich die Alphabet­schrift in ganz Trans­oxanien (dem heutigen Usbekistan) und weiter nach Osten, wo sie auch die mongo­lischen Schriften beein­flusste. Heute wird im Iran eine Variante des arabischen Abjads verwendet.

Altai

Von der Donau bis zum Baikal

Heute wird in dem weiten Gebiet von Ost­europa bis nach Zentral­asien, das in etwa dem mongolischen Welt­reich anfang des 13. Jahr­hunderts entspricht, mit kyrillischer, lateinischer oder mongolischer Schrift geschrieben. Man hat in diesem Gebiet eine Vielzahl unter­schiedlicher Schrift­systeme aus verschiedenen Zeiten gefunden.

Donauschrift

Im Donauraum wurden die bisher ältesten bekannten Schrift­symbole Europas entdeckt. Die auf ca. 5300 ‒ 3200 vor Christus datierten Zeichen treten großen­teils vereinzelt auf und werden zusammen­gefasst als Donauschrift bezeichnet, wobei fraglich ist, ob es sich wirklich schon um Schrift­systeme handelt. Die bekanntesten dieser Zeichen sind die Vinča-Symbole.

Turkische Rovas

Orchon Runen
k

k in Orchon

Die vermutlich vom aramäisch-syrischen Zweig der Alphabete abstammenden Schrift­zeichen der frühen Turk­sprachen waren im gesamten südost­europäischen und zentral­asiatischen Raum verbreitet. Sie ähneln den nord­europäischen Runen, sind aber nicht mit ihnen verwandt. Man findet die alt­ungarische Schrift heute wieder vereinzelt auf Straßen­schildern. Orchon-Runen, Rovas der Karpathen

Die Schriften der Mongolei

Das mongolische Alphabet
k

k in Mongolisch

Während sich in anderen Regionen die Schrift über Jahr­tausende kaum geändert hat, wurden für das Mongolische zahlreiche Schrift­systeme entwickelt, wobei sich das 1208 auf Grundlage des Uigurischen Alphabets geschaffene klassische Mongolisch bis heute erhalten hat. Die Uiguren hatten in ihrer vom sogdischen Alphabet abgeleiteten Schrift die Schreib­richtung geändert (sie schrieben die Schrift vertikal statt horizontal linksläufig), möglicher­weise um sie dem Chinesischen anzupassen. Die senkrechte Schreib­richtung ist in den Mongolischen Schriften erhalten geblieben.

Mongolisch und die damit verwandten Schriften sind im Unicode als rechts­läufig kodiert, werden also liegend eingegeben. Für eine korrekte Dar­stellung müssen sie zeilenweise um 90 Grad zurück­gedreht werden, da die Spalten (im Gegen­satz zu anderen vertikalen Schriften) nach rechts aufeinander folgen.

Himalaya

Die Schriften des Himalayagebiets

In den heutigen Ländern des Himalaya werden Tibetisch, Devanāgarī und das lateinische Alphabet benutzt, in Nepal vereinzelt zusätzlich die Eigenentwicklung Prachalit Nepali. In den Gebieten mit muslimischer Bevölkerung wird auch eine Variante des Arabischen verwendet, in chinesischen Gebieten die Chinesische Schrift.

Tocharisch und Turkestani

Im Tarimbecken im heutigen Nord­west­china wurden Schrift­zeugnisse der indo­europäischen Tocharer gefunden, wobei man zwischen zwei unter­schiedlichen Schriften unter­scheidet, die beide wahr­scheinlich von der Brāhmī-Abugida, dem Ursprung der indischen Schriften, abgeleitet sind. Auch vom Brāhmī abgeleitet zu sein scheint eine weitere zentral­asiatische Schrift, die Turkestani genannt wird. Tocharisch

Tibet

Die tibetische Abugida
k

ka in Tibetisch

Aus der vom Brāhmī abgeleiteten Schrift des nord­indischen Gupta-Reiches entstand um 600 n.Chr. die Siddhaṃ-Schrift, die die Grundlage für die Tibetische Schrift und die davon abgeleiteten Abugidas wurde. Diese Schriften haben die Besonder­heit, dass sie keine eigenen Buchstaben für Vokale haben und statt dessen einen Vokal­träger benutzen.
Tibetisch wird heute in Tibet, Bhutan und Ladakh benutzt.

Lepcha
k

ka in Lepcha

Lepcha (die alte Schrift Sikkims) weist gegenüber den anderen Abugidas gekippte Buch­staben auf, da die Schrift ursprüng­lich nach chinesischen Vorbild senkrecht geschrieben und danach wieder waagerecht gedreht wurde; bei der zweiten Drehung wurden die einzelnen Buch­staben mitgedreht.
’Phags-pa und die mongolische Horizontale Quadrat­schrift sind vom Tibetischen abgeleitete Schriften, die im mongolischen Reich verwendet wurden.

Nepal

Limbu
k

ka in Limbu

Nepal hat eine lange Schrift­tradition mit zahlreichen, von der Gupta-Abugida abgeleiteten Schriften, wobei das Prachalit heute noch vereinzelt auf Schildern und Plakaten zu finden ist. Die Schrift der Limbu in Limbuwan an der Grenze zu Sikkim wird in neuerer Zeit wieder benutzt. Die vom Limbu abgeleiteten Schriften Jenticha und Tikamuli werden für das in Nepal und Sikkim gesprochene Sunuwar verwendet.
Das National­symbol der heutigen Mongolei, das Soyombo-Symbol, entstammt der Soyombo-Schrift und ist eine Kreation des mongolischen Mönchs Bogdo Zanabazar, der diese Schrift im 17. Jahr­hundert aus dem nepalesischen Ranjana entwickelt hat. Neuere Entwick­lungen Nepals sind das Gurung und die Schriften der Rai (Khambu und Kirat). Schriften Nepals

Nordindien

Die nordindischen Schriften

Der indische Sub­kontinent ist das Gebiet, in dem die meisten Schriften entdeckt, verwendet und nach wie vor entwickelt werden. Die Zeichen der nord­indischen Abugidas werden in der Regel durch eine horizontale Kopflinie, die Rekha, verbunden. Die süd­licheren Schriften Nordindiens, Oriyā und Gujarātī, wurden ursprünglich auf Palm­blätter geschrieben, wobei man gerade Striche vermeiden musste, um das Blatt nicht zu beschädigen. Deshalb fehlt in beiden Schriften wie auch in den süd­indischen Schriften die Rekha, im Oriyā ist sie durch einen Bogen über jedem Zeichen ersetzt.

Die Indus-Schrift

Die frühesten Schrift-Symbole des indischen Sub­kontinents stammen aus der Zeit ab 2600 v.Chr. von der Harappa-Kultur am Indus. Es handelt sich um einzelne oder Gruppen von Zeichen auf ver­schiedenen Objekten. Es ist unklar, ob es sich bei den Zeichen­reihen bereits um eine Schrift handelt. Möglicher­weise gibt es eine Verbindung zur Proto-Elamischen Schrift. Ein Handel zwischen Harappa, Elam und Sumer über den Seeweg und auch über den Landweg konnte bereits nach­gewiesen werden. Die Schrift­zeichen auf den Siegeln der Indus-Kultur ähneln denen der Proto-Elamischen Schrift, die beiden Schrift­systemen zugrunde­liegende Sprache ist mit hoher Wahr­schein­lich­keit drawidischen Ursprungs. Indus-Schrift

Der Ursprung der indischen Abugidas

Brāhmī
k

ka in Brāhmī

Kaiser Ashoka regierte von 268 bis 232 v.Chr. das indische Maurya-Reich, eine Zeit großer sozialer Umwälzungen und kultureller Errungen­schaften. Dieser Zeit verdanken wir die Verbreitung des Buddhismus ‒ Ashoka führte nach der Eroberung Kalingas den Buddhismus als Staats­religion und religiöse Stütze eines von da an fried­fertigen Staates ein ‒ die Entwicklung eines flexiblen und einfach zu erlernenden Schrift­prinzips ‒ das des Modifizierens von Konsonanten­zeichen zur Darstellung der Vokale ‒ und die Gestaltung eigener Schrift­zeichen für die Zahlen (die mit der späteren Einführung des Stellen­wert­systems mit der Null als indisch-arabische Ziffern nach Europa gelangten). Es wurden zwei Abugidas entwickelt, Kharoṣṭhī und Brāhmī. Kharoṣṭhī war aus dem Aramäischen entstanden und wurde für etwa 800 Jahre, im wesent­lichen im heutigen Afghanistan und Pakistan verwendet. Brāhmī, sehr wahr­scheinlich auch nach dem Vorbild des Aramäischen entwickelt, fand in ganz Indien Verwendung und wurde der Vorläufer hunderter von Schriften in Süd- und Südostasien. Indischer Schriftenkreis

Nordindien

Devanāgarī
k

ka in Devanāgarī

Aus einer nördlichen Variante des Brāhmī, der Gupta-Schrift, entwickelten sich letzt­endlich die meisten der heute in Nord­indien und dem Himalaya­gebiet verwendeten Schriften. Aus der östlichen Nāgarī (Sanskrit für aus der Stadt stammend) abgeleitete Schriften sind Devanāgarī, Gujarātī und Bengali. Devanāgarī wird heute in ganz Nord­indien und Nepal für zahl­reiche Sprachen verwendet, darunter Hindi, Marathi und Nepali. Sie ist die am weitesten verbreitete Schrift in Nord­indien und wird auch für alte Sanskrit-Texte verwendet. Devanāgarī hat mehrere weitere Schriften auch außerhalb des indischen Subkontinents beeinflusst, insbesondere die Unified Canadian Aboriginal Syllabics.

Ostindien

Oḍiā
k

ka in Oḍiā

Relativ früh spaltete sich von der Gupta-Schrift in Kalinga (dem heutigen Oḍisha) eine eigene Schrift ab, die Vorläuferin des modernen Oḍiā (Oriya). Oḍiā oder Utkala Lipi wird bis heute für die Sprache Oḍiā und einige Minderheits­sprachen im indischen Bundes­staat Oḍisha im Osten des Landes verwendet. Die Zeichen der Schrift haben statt einer durch­gehenden Rekha einen Bogen.

Bengalī
k

ka in Bengalī

In Bengalen und den sieben Schwester­staaten Indiens entstanden aus der Nāgarī eigene Schrift­varianten, nament­lich das heute noch für Bengalisch, Assamesisch und die verwandten Sprachen verwendete Bengali. Im Vergleich zur Devanāgarī wirkt Bengali oder Bāṁlā Lipi durch die nach unten weisenden Spitzen und geschwun­genen Bögen der einzelnen Buchstaben eleganter als die Devanāgarī.

Silôṭi Nagri
k

ka in Silôṭi Nagri

Das im 14. Jahr­hundert aus der bengalischen Schrift für die Sprache Sylheti entwickelte Silôṭi Nagri wird heute wieder vereinzelt benutzt, nachdem es im 19. Jahrhundert fast vom Bengali verdrängt worden war. Kenn­zeichen dieser Schrift sind die Zickzack-Linien vieler Zeichen. In jüngster Zeit wurden zahl­reiche weitere Schriften im Nord­osten Indiens kreiert, teilweise beeinflusst durch die klassischen Abugidas, teilweise Neu­schöpfungen. Die meisten Schriften orientieren sich an dem System der Abugidas, einige der Schriften sind aber auch Alphabete.

Westindien

Gujarātī
k

ka in Gujarātī

Gujarātī, ein Abkömmling der Nāgarī, wird in Gujarāt im Westen Nord­indiens für die gleich­namige Sprache verwendet. Gujarātī ist der Devanāgarī bis auf die fehlende Rekha sehr ähnlich. Gujarātī hat ebenso wie Devanāgarī zahl­reiche Ligaturen für Konsonanten­cluster. Das Virāma (oder Halant), das in einer Abugida den inhärenten Vokal eines Konsonanten unter­drückt, wird in beiden Schriften selten geschrieben.

Gurmukhī
k

ka in Gurmukhī

Im Nordwesten Indiens entstand im achten Jahrhundert, etwa zeitgleich mit der Nāgarī, die Śāradā-Schrift, deren Nachfolger Gurmukhī heute im indischen Panjab verwendet wird. Die Sprache Panjabi wird nur im indischen Teil des Panjab in Gurmukhī geschrieben, die muslimische Bevölkerung im pakista­nischen Panjab schreibt die Sprache in Shahmukhi, einem Duktus der persisch-arabischen Schrift. Gurmukhī hat drei Vokal­träger und eine abwei­chende Buchstaben­reihenfolge, was es von den anderen indischen Schriften unter­scheidet. Im Gegensatz zu vielen anderen indischen Schriften weist Gurmukhī kaum Ligaturen auf, es gibt allerdings auch kein Virāma zur eindeutigen Bezeichnung von Konsonanten­gruppen. Für die Töne der Tonsprache Panjabi gibt es im Gurmukhī eigene Modifikatoren.

Südindien

Die südindischen Schriften

Traditionell gilt in ganz Indien die gesprochene Sprache gegenüber der geschriebenen Sprache als die beständigere, da Schrift­zeugnisse oft auf vergänglichen Materialien geschrieben wurden; das gilt insbesondere aufgrund des Klimas für das südliche Indien. Da die süd­indischen Schriften ursprünglich auf Palm­blätter geschrieben wurden, bestehen deren Zeichen eher aus runden Formen, was sie deutlich von den Schriften im Norden Indiens unterscheidet. Eine weitere Besonderheit der süd­indischen Schriften ist die ausgeprägte Diglossie, also das deutliche Abweichen der gesprochenen Umgangs­sprache von der geschriebenen Schrift­sprache.

Südindien

Kannaḍa
k

ka in Kannaḍa

Telugu
k

ka in Telugu

Aus den südlichen Ablegern der Brāhmī-Schrift, die nach den südindischen Dynastien Kadamba und Pallava benannt sind, entstanden die Abugidas Südindiens. Im südwest­indischen Staat Karnataka wird heute Kannaḍa, in Andhra Pradesh im Südosten Indiens Telugu geschrieben, beides Weiter­entwicklungen des Alt­kannaresischen, das aus dem alten Kadamba entstand. Auffälliges Merkmal beider Schriften ist der Bogen über den Schrift­zeichen, im Kannaḍa in Form eines Spazier­stocks, im Telugu erinnert er eher an einen Golf­schläger. Ligaturen werden in diesen Schriften oft durch Unter­einander­schreiben der Konsonanten realisiert.

Malayāḷaṁ
k

ka in Malayāḷaṁ

Tamiḻ
k

ka in Tamiḻ

Pallava Grantha und Vattelutu, die Schriften der südindischen Pallava-Dynastie, wurden die Grundlage für die weiter südlich verwendeten Abugidas Malayāḷaṁ in Kerala und Tamiḻ in Tamil Nadu. Beide Schriften weisen heute neben den geschwungenen Formen klare senkrechte und waagerechte Linien auf, die aus der Grantha-Schrift stammen. Die Sprachen Südindiens sind drawidische Sprachen, bei denen Stimm­haftigkeit und Aspiration der Konsonanten ursprünglich nicht bedeutungs­unterscheidend sind. Daher werden die entspre­chenden Buchstaben nur für Fremdworte und die zahlreichen Übernahmen aus dem Sanskrit verwendet, im Tamiḻ fehlen die nicht benötigten Konsonanten komplett. Eine weitere Anpassung der drawidischen Abugidas an die gesprochene Sprache ist die Einführung der kurzen Vokale [e] und [o].
Heutzutage werden Sanskrit-Texte, für die bisher die alte Grantha-Schrift benutzt wurde, in der Regel auch in Südindien mit Devanāgarī geschrieben.

Für die Sprache Kodava in Karnataka wird vereinzelt auch das 2005 entwickelte Alphabet Coorgi-Cox benutzt. Sora, eine in Oḍisha und Andhra Pradesh gesprochene Munda-Sprache, wird auch in einer eigenen Schrift, dem Sora Sompeng, geschrieben. In Tamil Nadu gibt es eine Gemeinschaft von Nachkommen von Auswanderern aus Gujarat, deren eng mit dem Gujarati verwandte Sprache nach der Halbinsel Saurashtra benannt wird; diese wird bisweilen in einer eigenen Schrift geschrieben. Die Schrift Saurashtra ist nach dem Vorbild der südlichen Abugidas gestaltet worden.

Sri Lanka

Siṁhala
k

ka in Siṁhala

Pallava Grantha wurde auch die Grundlage für Siṁhala, die singhalesische Schrift Sri Lankas. Bei dieser Abugida ist zu erkennen, dass die geraden Elemente, die in den anderen Grantha-Abkömmlingen einen grafischen Kontrast zu den geschwundenen Bögen der Zeichen darstellen, vollständig verschwunden sind. Obwohl die singhalesische Sprache indoeuropäischen Ursprungs ist, wird durch den Einfluss der drawidischen Sprachen, insbesondere des Tamilischen, nicht zwischen aspirierten und unaspirierten Lauten unterschieden, wohl aber zwischen langen und kurzen Vokalen e und o. Im Siṁhala wird der komplette Zeichensatz als gemischtes Inventar bezeichnet, während die für modernes Singhalesisch benötigten Zeichen das pure Inventar darstellen.

Dhives Akuru und die Vorgängerin Evēla Akuru, beide vom Siṁhala abgeleitet, sind die klassischen Schriften der Malediven, bis Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Dhives Akuru dort noch benutzt. Heute wird auf den Malediven eine vom Arabischen abgeleitete Schrift, das Thaana, verwendet.

Durch Handelsbeziehungen der Pallava-Dynastie beeinflusste die Grantha-Schrift auch wesentlich die Schriftentwicklung in Südostasien und Indonesien.

Indonesien

Die Schriften in Indonesien und auf den Philippinen

In Indonesien und auf den Philippinen wird seit der Kolonialisierung durch die Europäer das lateinische Alphabet benutzt, die einheimischen Schriften sind großenteils in Vergessenheit geraten. In neuerer Zeit werden alte Schriften auf einigen Inseln wieder populär. In Malaysia wurde 1972 die lateinische Schrift eingeführt, nachdem bis dahin die arabische Schrift benutzt wurde. In Brunei wird eine Variante des Arabischen benutzt.

Indonesien

Aksara Jawa
k

ka in Aksara Jawa

Lontara
k

ka in Lontara

Die ersten Funde der Altkawi-Schrift stammen aus dem 8. Jahrhundert aus dem Singhasari-Königreich Javas. Aus dieser der südindischen Pallava Grantha entlehnten Abugida lassen sich alle nativen Schriften Indonesiens und der Philippinen ableiten.
Im Norden Borneos wurde ab dem 14. Jahrhundert bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts eine vom arabischen Abjad abgeleitete Schrift benutzt, das Jawi. Es wird heute noch in Brunei verwendet. Auf Buton, einer Insel vor Südost-Sulawesi, wurde für die Sprache Wolio eine Variante des Jawi benutzt, im westlichen Java mit Pegon eine weitere Anpassung des Arabischen.
Während seit dem 1. Jahrhundert der internationale Handel mit dem römischen Reich im Wesentlichen über den Isthmus von Kra geschah, sodass die Händler in der dort gelegenen Hafenstadt Funan intensiven Kontakt nach Westen, also nach Indien hatten, änderte sich das im 4. Jahrhundert durch die Blockade der transkontinentalen Seidenstraße, die den festländischen Handel zum Erliegen brachte. Statt die Waren über den Landweg nach China zu befördern, etablierten die Chinesen eine Seehandelsroute über die Malakkastraße, und damit an Funan vorbei. In der Folge blühten einige Häfen an den Küsten der neuen Handelsroute auf. Vorbild für den Aufbau dieser Städte war Funan, und damit verbreitete sich das indische Gedankengut, der Mahayana-Buddhismus (der im Gegensatz zum Hinduismus für Mission und Handel offen war), die Vorstellung der Ordnung der Dinge, und letztlich auch die Schrift nach Indonesien.

Seit dem 19. Jahrhundert wird in ganz Indonesien offiziell die lateinische Schrift benutzt, sowohl für die nativen Sprachen als auch für die aus dem Malaiischen entwickelte Bahasa Indonesia, der offiziellen Hauptsprache Indonesiens. Heute werden viele der nativen Schriftsysteme wiederentdeckt und in den Schulen gelehrt, insbesondere auf Java und Bali, aber auch in einzelnen Gebieten Sumatras.

Philippinen

Hanunó’o
k

ka in Hanunó’o

Ebenso wie in Indonesien wurden die einheimischen Abugidas der Philippinen Baybayin, Buhid, Tagbanwa und Kulitan komplett von der lateinischen Schrift verdrängt. Lediglich das Hanunó’o, eine Schrift, die senkrecht von unten nach oben auf Bambus geschrieben wird, wird im Süden der Insel Mindoro noch vereinzelt benutzt.
Mit Eskayan wurde Anfang des 20. Jahrhunderts eine Abugida zur Verschriftung der gleichnamigen Sprache auf der philippinischen Insel Bohol geschaffen, deren Zeichen an das lateinische Alphabet erinnern.

Mikronesien und Melanesien

Auf Woleai im westlichen Pazifik wurde Anfang des 20. Jahrhunderts eine eigene, teilweise aus dem lateinischen Alphabet entwickelte Silbenschrift benutzt. Seit 1990 wird auf Pentecost Island, einer Insel, die zu Vanuatu gehört, eine eigene Schrift für die einheimischen Sprachen Raga, Bislama und Apma verwendet, das Avoiuli.

Südostasien

Die Schriften Südostasiens

In Südostasien werden die Abugidas Khmer, Thai, Lao und Myanmar benutzt, in Vietnam eine Erwei­terung des latei­nischen Alphabets. Auffällig an den vom Khmer abgelei­teten Abugidas sind die recht umfang­reichen Vokal­modifi­katoren, die teil­weise mehrere Zeichen vor und hinter dem eigent­lichen Konsonant­zeichen umfassen.

Kambodscha

Khmer
k

ka in Khmer

Durch die engen Kontakte mit Indien wurde auch die Schrift­entwicklung Südost­asiens beeinflusst. Die Abugidas der Khmer und der Mon lassen sich von der Grantha-Schrift der Pallava-Dynastie Südindiens ableiten. Die Pallava Grantha stammt direkt von einer südlichen Variante der Brāhmī ab. Khmer wird heute noch in Kambodscha benutzt, Thai und Lao haben sich aus dieser Schrift entwickelt und werden in den Nachbar­ländern Thailand und Laos verwendet. Erkennungszeichen des Khmer sind die Zickzack-Linien und Rautenförmigen Verzierungen über den Buchstaben, eine Reminiszenz and die ursprüng­liche Rekha der indischen Schriften, die es allerdings in der südindischen Pallava nicht mehr gab.

Thai
k

ka in Thai

Lao
k

ka in Lao

Im Gegen­satz zu den indischen Abugidas gibt es im Khmer zwei Konsonanten­sätze mit jeweils einem anderen inhärenten Vokal, [a] und [o]; damit ist es möglich, die zahl­reichen Vokal­laute der Sprache darzu­stellen. Thai­ländisch und Laotisch sind Kontur­ton­sprachen, die Silben sind also mit einer Sprachmelodie belegt, die man als Ton bezeichnet. Die Töne gehen aus einer bestimmten Kombi­nation von Konsonant und zusätz­lichen Bestimmungs­zeichen hervor. Die in der Pallava Grantha noch vorhandenen geraden Elemente sind im Thai und im Lao verschwunden, insbesondere das Lao besteht komplett aus runden Formen und hat sich damit grafisch den Mon-Schriften angepasst. Kennzeichen der beiden Schriften sind die kleinen Kreise an den Enden der Buchstaben.

Myanmar

Myanmar
k

ka in Myanmar

Die auf der südindischen Grantha basierende Schrift der Mon bildete die Grundlage für die birmanische Schrift, die Lanna-Schrift (die heute noch vereinzelt für religiöse Texte benutzt wird) und die davon abgeleitete Abugida Tai Le (Dehong Dai), die für die Tai-Nüa-Sprache in Burma, Yunnan (Westchina) und den angrenzenden Gebieten benutzt wird. Grafische Basis für die Gestaltung der Schrift ist der Kreis, ein Element, das auch John Ronald Reuel Tolkien für die Gestaltung seiner Elfen-Schriften verwendet hat.

Tai Le
k

k in Tai Le

Tai Le verwendet spezielle Modifi­katoren zur Kenn­zeichnung der Töne. Eine Schrift­reform in China verordnete 1956 mit der New Tai Lue (oder Simplified Tai Le) eine verein­fachte Schrift, die aber mangels Literatur wenig benutzt wird.

Pahawh Hmong ist eine besondere Abugida, bei der der Auslaut (also der Vokal) und nicht der anlautende Konsonant als Träger funktioniert. Die Schrift wurde 1959 von Shong Lue Yang für das Volk der Hmong, das im Grenzgebiet von Vietnam und Laos lebt, entwickelt. Eine weitere für die Hmong entwickelte Schrift die ist von dem Missionar Sam Pollard entwickelte Abugida Miao. Das Fraser-Alphabet, das lateinische Buch­staben als Vorlage benutzt, entwickelten Missionare für die Lisu, einem Volk in West­china. Die musli­mischen Rohingya in Myanmar benutzen vereinzelt ein dem Arabischen ent­lehntes Abjad.

Ostasien

Die Schriften Ostasiens

In Ostasien werden die Schriften Chinesisch, Japanisch und Koreanisch verwendet. Die japanischen Hiragana und Katakana sind grafisch von den chinesischen Schriftzeichen abgeleitet, Koreanisch ist eine Eigenentwicklung.

Jiǎhú und Kaidā

Einige wenige neolithische Symbole, die in Jiǎhú, Hénán (China) gefunden wurden, werden als Jiǎhú-Schrift bezeichnet. Sie treten wie die Symbole der Donauschrift isoliert und vereinzelt auf, sind jedoch mehr als 1000 Jahre älter und damit die bisher ältesten Symbole dieser Art.

Auf den japanischen Ryūkyū-Inseln (zwischen Kyūshū und Táiwān) finden sich ähnliche isoliert auftretende Symbole aus dem ersten Jahrtausend vor Christus, die Kaidā.

China

Die chinesischen Grundzeichen
k

Kraft in Chinesisch

Die chinesische Schrift ist die einzige heute verwendete logographische Schrift für gesprochene Sprachen. Als solche wird sie für alle chinesischen Sprachen verwendet, die die gleiche, nicht-flektierende Struktur haben. Die bedeutungstragenden Bestandteile der chinesischen Zeichen nennt man Radikale, sie werden auf verschiedene Arten kombiniert und bilden so unterschiedliche Begriffe ‒ im Prinzip analog zu wortbildenden Buchstaben, allerdings mit dem Unterschied, dass die Radikale in chinesischen Zeichen in einem Block angeordnet sind und dafür grafisch angepasst werden. In den 1950er Jahren wurde in der Volksrepublik China eine Schriftreform durchgeführt, in der zahlreiche Zeichen vereinfacht wurden.

Zhùyīn Fúhào
k

k in Zhùyīn Fúhào

Bereits seit den Anfängen der chinesischen Schrift wurden einfache Schriftzeichen auch als lautliche Umschrift verwendet (zum Lernen der komplizierteren Zeichen); dieses System nannte sich Fǎnqiè. Seit etwa 1920 gibt es eine phonetische Umschrift, das Zhùyīn Fúhào oder Bopomofo, das nach wie vor in Táiwān (wo auch weiterhin die traditionellen Schriftzeichen benutzt werden) als Aussprachehilfe benutzt wird. In der Volksrepublik China wird seit 1956 mit dem Pīnyīn eine lateinische Umschrift zum Lernen der Aussprache benutzt.

Die chinesische Schrift hat weitere Schriften beeinflusst, so das Khitan und Jurchen im Norden, Tanggut im Westen und die Frauenschrift Nǚshū in der Provinz Húnán. Jurchen weist neben ideographischen auch phonetische Elemente auf, Nǚshū ist ein vollständiges Syllabar, das nur im Aussehen den chinesischen Schriftzeichen ähnelt.

Vietnam

Mit dem Buddhismus gelangte die chinesische Schrift in den ersten Jahrhunderten n.Chr. nach Vietnam, Korea und Japan. In Vietnam wurde die Schrift um eigene Wortschöpfungen erweitert. Diese heute nicht mehr benutzte Schrift nennt sich Chữ Nôm. Offiziell seit 1945 wird in Vietnam eine bereits im 17. Jahrhundert von französischen Missionaren entwickelte, um zahlreiche Zusatzzeichen erweiterte lateinische Schrift benutzt, das Chữ Quốc Ngữ, mit dem auch die sechs Töne der Sprache dargestellt werden.

Japan

Hiragana und Katakana
k

ka in Hiragana

Die Struktur der japanischen Sprache ist völlig anders als die des Chinesischen. Japanisch ist wie die indo­europäischen Sprachen eine flektierende Sprache. Die Darstellung mit Chinesischen Schriftzeichen bedurfte also einer Erweiterung. Es wurde zunächst versucht, mit den Man’yōgana einzelne chinesische Schriftzeichen nach ihrer (chinesischen) Aussprache zu verwenden und diese Silbenzeichen als Ergänzung zu den bedeutungstragenden Zeichen zu verwenden. Daraus entwickelten sich zwei komplette Zeichensätze, die Hiragana für japanische Ausdrücke und die Katakana für Fremdworte. Beides sind Morenschriften, in der die Zeichen für den Hauptbestandteil einer Silbe stehen. Eine Auswahl chinesischer Schriftzeichen wird nach wie vor als Kanjis weiter verwendet. Japanische Schrift

Korea

Das koreanische Alphabet
k

k in Koreanisch

Koreanisch ist ebenso wie Japanisch eine flektierende Sprache und konnte daher von einer logographischen Schrift wie dem Chinesischen nicht adäquat wiedergegeben werden. Idu und Hangchal sind verschiedene Systeme, die sich chinesischer Schriftzeichen bedienten, um das Koreanische an die chinesische Schrift anzupassen, indem sie eine gesprochene Silbe repräsentieren. Gugyeol sind vereinfachte Ergänzungszeichen für die Aussprache oder die grammatische Funktion eines Schriftzeichens, mit denen klassische chinesische Werke versehen wurden, um sie in Koreanisch zu lesen. Mitte des 15. Jahrhunderts wurde in Korea unter König Sejong eine bemerkenswerte Schrift für die koreanische Sprache geschaffen, die einfacher zu erlernen sein sollte als das Chinesische. Die Schrift Hangeul ist eine Alphabetschrift, bei der die Buchstaben für eine Silbe nach chinesischem Vorbild in einem Block angeordnet werden. Bei der Gestaltung der Konsonanten (Kindklänge) erkennt man Einflüsse der mongolischen ’Phags-pa-Schrift (die mit dem Buddhismus nach Korea gekommen war) und möglicherweise artikulatorische Elemente (den Mundraum und die Zunge), bei der Gestaltung der Vokale (Mutterklänge) stand das Yin-Yang-Prinzip Pate.

Yunnan

Das Yi Syllabar
k

ka in Yi

In der autonomen Republik Yunnan und in Sichuan im Südwesten Chinas wurden verschiedene Eigen­entwicklungen gefunden. Die Nàxī benutzten eine sehr komplizierte piktografische Schrift, das Dongba, mit der rituelle Texte niedergeschrieben wurden. Das Geba ist eine Silbenschrift, die von den Nàxī in Anlehnung an die chinesischen Schriftzeichen entwickelt wurde. Die Yí benutzten seit dem 15. Jahrhundert, womöglich schon lange vorher, eine eigene logographische Schrift. 1974 wurde diese zu einer Silbenschrift (die immer noch aus über 1000 Zeichen besteht und damit auch die Töne der Sprache berücksichtigt) umgedeutet.

Spezial

Sonder- und Kunstschriften

Es gibt unzählige Kunstschriften oder nicht an eine Sprache oder einen Kulturkreis gebundene Schriften, von denen hier nur einige erwähnt werden können.

Sonderschriften

Die Braille Kodierung
k

k in Braille

1825 erfand der als Kind erblindete Louis Braille die nach ihm benannte Blindenschrift. Sie ist keine Schrift im eigentlichen Sinn, sondern eine Kodierung der einzelnen Buchstaben des lateinischen Alphabets, die, wenn sie geprägt ist, ertastet werden kann und Blinden das Lesen ermöglicht. Inzwischen existiert das Braille-System für fast alle Schriften, selbst für Chinesisch (basierend auf der lautlichen Transkription).

Ein Alphabet für Blinde hat William Moon 1845 entwickelt, das ‒ ähnlich wie die Canadian Syllabics ‒ mit wenigen Grundzeichen auskommt, die je nach Ausrichtung verschiedene Bedeutung haben. Da die Zeichen den lateinischen Buchstaben ähneln, können Menschen, die erst im Alter erblinden, diese Schrift besser erlernen als die Brailleschrift. Moonalphabet

Eine nach wie vor übliche Kodierung des lateinischen Alphabets und einiger Sonderzeichen ist der 1838 von Samuel Morse und seinem Mitarbeiter Alfred Lewis Vail entwickelte Morsecode, der mit vier unterschiedlichen Symbolen (langes Signal ‒ kurzes Signal ‒ lange Pause ‒ kurze Pause) als Kodierung für eine Nachricht auskommt. Eine im Internet übliche Kodierung lateinischer Zeichen mithilfe von graphisch ähnlichen Ziffern und Sonderzeichen ist das Leetspeak, das in den 1980er Jahren entwickelt wurde, um Nachrichten zu übermitteln, die von Computern nicht ohne Weiteres verstanden werden können.

Auch im Zeitalter des Computers werden nach wie vor Stenographien benutzt. Erwähnenswert sind die Pitman-Shorthand, an der sich mehrere andere moderne Schriften orientiert haben, und die grafisch komplexere Duployan Shorthand, aus der mit Chinook eine weitere Kurzschrift entstand.

Phonetische Schriften

1886 wurde in Paris die Association phonétique internationale gegründet, mit dem Ziel, ein einheitliches phonetisches Transkriptionssystem für verschiedene Sprachen zu entwickeln. Dieses System, das International Phonetic Alphabet, wird bis heute gepflegt und erweitert und hat sich als große Hilfe beim Erlernen von Fremdsprachen erwiesen.

Für die englische Sprache gibt es mehrere Schriften, mit denen versucht wurde, der Aussprache näher zu kommen als das Lateinische.

Das Deseret-Alphabet
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k in Deseret

Brigham Young, der zweite Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, beauftragte seine Kirchenführer mit der Entwicklung einer phonetischen Schrift für das Englische, um den nach Utah einwandernden Mitgliedern der Kirche das Erlernen der Sprache zu erleichtern. Die Schrift nennt sich Deseret nach einem Wort für Honigbiene im Buch Mormon. Das Projekt wurde nach Youngs Tod aufgegeben.

Das Shavian-Alphabet
k

k in Shavian

George Bernard Shaw kritisierte zeitlebens die Unzulänglichkeit der englischen Schrift und veranlasste damit einen nach seinem Tod stattfindenden Wettbewerb für ein neues Alphabet zur Verschriftung der englischen Sprache. Gewinner wurde Ronald Kingsley Read mit dem später Shavian genannten Alphabet. Dieses und eine weitere Schöpfung Reads, die Quikscript, basierten (wie auch die Moon-Schrift und die Canadian Syllabics) auf der Pitman Shorthand Kurzschrift und damit auf vereinfachten lateinischen Zeichen.

Symbolschriften

Am logographischen System der chinesischen Schriftzeichen orientieren sich Schriften wie Bliss und SignWriting. Charles Kasiel Bliss entwickelte in Australien seine Weltschrift, die in allen Sprachen lesbar sein sollte. Sie besteht aus möglichst einfachen, allgemein verständlichen, kombinierbaren grafischen Symbolen. Die Schrift hat sich zu einem wertvollen Kommunikationsmittel für Menschen entwickelt, die aufgrund von Sprechstörungen nur eingeschränkt über Laute kommunizieren können. Valerie Sutton entwickelte 1974 ein Schriftsystem für die Darstellung von Gebärdensprache, dieses wird GebärdenSchrift oder SignWriting genannt.

Phantasieschriften

Tengwar
k

c in Tengwar

John Ronald Reuel Tolkien erfand in seinen Büchern mehrere Sprachen und Schriften, die er teilweise auch konkret konstruierte. Cirth [kirθ] nennt man die aus den germanischen Runen (Fuþark) entwickelten Kerbzeichen, die von den Sindar, Noldor und Zwergen der Tolkien’schen Fantasiewelt benutzt werden. Die verschiedenen Weiterentwicklungen werden als Angerthas (Zeichenreihen) bezeichnet. Auf der Grundlage der alten Elfenschrift Sarati (einer Abugida) wurden von dem Elfen Fëanor - über die Zwischenstufe der Valinorischen Schrift - die Tengwar (Quenya für Schriftzeichen) geschaffen, die in verschiedenen Modi als Abugida oder auch als Alphabet für unterschiedliche Sprachen verwendet werden können. Bei der Gestaltung dieser Zeichen hatte Tolkien neben der lateinischen Schrift möglicherweise die Mon-Schrift Südostasiens als Vorlage gedient. Die Schriften Tolkiens

pIqaD
k

q in pIqaD

pIqaD nennt sich das Alphabet, mit dem tlhIngan Hol, die von Marc Okrand geschaffene Sprache der Klingonen in der Science-Fiction-Serie Star Trek geschrieben wird. Die Form der Zeichen ist vom Tibetischen inspiriert. Die übliche lateinische Transkription verwendet Großbuchstaben für die vom Lateinischen abweichenden Laute.

Unter Omniglot werden neue Schriften als Con-scripts für constructed scripts bezeichnet, hier findet man einige sehr schöne Beispiele von Phantasieschriften und Vorschläge zur Verschriftung zahlreicher Sprachen. Hervorheben möchte ich die beiden Abugidas Cloud and Rain, ein alternatives Schriftsystem für das Ungarische, sowie das Chữ Vòng für die vietnamesische Sprache. Beide Schriften verarbeiten traditionelle Besonderheiten der jeweiligen Kultur und verbinden sie mit modernen Schriftcharakteristika.

Quellen

www.wikipedia.de
Wikipedia
www.omniglot.com
Alphabets and writing systems
www.unicode.org
Unicode consortium
  • Michael D. Coe, Breaking the Maya Code
  • Platon, Sokrates im Dialog mit Phaidron
  • Leonte Mroweli, Georgische Chroniken
  • Snorri Sturluson, Die Snorra Edda
  • Irish Texts Society, Lebor Gabála Érren
  • Electronic text corpus of Sumerian literature, Enmerkar and the Lord of Aratta
  • Jean François Champollion, Précis du système hiéroglyphique des anciens Egyptiens
  • Carol Andrews, The Rosetta Stone
  • Mark Collier and Bill Manley, How to read Eqyptian Hieroglyphs
  • Laurence Rivaillé, Contes et légendes touaregs du Niger: des hommes et des djinns
  • Rolf Alfred Stein, Tibetan Civilization
  • Richard Keith, Original and sophisticated features of the Lepcha and Limbu scripts
  • William A. Smalley, Chia Koua Vang and Gnia Yee Yang, Mother of Writing
  • Shudong Zhang, Geschichte der Chinesischen Schrift
  • Gerard Nolst Trenité, The Chaos
  • J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe